Kolumne Dr. Bernhard Jünemann | Zukunftstraum oder Albtraum?
Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist der Börsengang der Superlative über die Bühne gegangen. SpaceX wird seit Freitag, 12. Juni, an der Nasdaq gehandelt. Mit 1,77 Billionen Dollar wurde die Firma zum Börsengang bewertet. Vielleicht ist sie jetzt noch höher bewertet, denn die Orderbücher waren völlig überzeichnet. Entsprechend gingen viele Anlegende leer aus und könnten versucht haben, sich in den ersten Handelstagen einzudecken. Das sollte die Kurse getrieben haben.
Grämen Sie sich, weil Sie bei der Zeichnung nicht zum Zuge kamen? Oder haben Sie sich geschworen, nie und nimmer Einzelaktien zu kaufen, sondern nur Fonds und sind jetzt verunsichert? Grämen Sie sich nicht! Denn bis zum Ende des Monats wird die SpaceX-Aktie in vielen Indizes sein.
Dass dies möglich ist, dazu haben die Indexanbieter den Fast Track geschaffen. Normalerweise gibt es zu festgelegten Terminen Neuaufnahmen in die Indizes. Handelt es sich aber um bedeutsame Börsengänge greift der Fast Track. Je nach Anbieter wird so eine Aktie innerhalb von fünf bis 15 Tagen in einen Index aufgenommen. FTSE Russell macht es in fünf Handelstagen, MSCI mit dem MSCI World und MSCI USA innerhalb von zehn. Die Technologiebörse Nasdaq hat dazu sogar extra die Regeln zum ersten Mai geändert. Für den Nasdaq-100 und den Nasdaq Composite gelten 15 Handelstage nach dem Börsengang.
Geändert hat die Nasdaq dafür noch etwas. Die Grenze von mindestens zehn Prozent Freefloat (Streubesitz) für eine Börsennotiz wurde aufgeweicht. Denn SpaceX bringt nur 555,6 Millionen Aktien in den Handel. Das sind bezogen auf den Gesamtwert von 1,77 Billionen Dollar gerade mal vier Prozent. 96 Prozent sind weiterhin in der Hand von Elon Musk. So behält er die absolute Kontrolle über das Unternehmen.
Dieses Vorgehen hat Konsequenzen für viele Indizes, weil die Aktien in der Regel Freefloat gewichtet werden. Das bedeutet, dass SpaceX in einem renommierten Index wie den MSCI World mit weniger Gewicht als ein Prozent auftauchen sollte. Anlegerfreundlich ist dieser geringe Freefloat nicht, wenn man bedenkt, dass viele Firmen im S&P 500-Index Streubesitz von 50 Prozent und mehr bieten.
Im S&P 500 werden die SpaceX-Aktien übrigens erst einmal nicht sein, weil S&P Dow Jones seine Regeln nicht aufgeweicht hat. Danach muss das Musk-Papier zwölf Monate an der Börse notiert und die Summe der letzten vier Quartalsergebnisse positiv sein. Sind Sie aber nicht. Der Nettoverlust 2025 von SpaceX betrug fünf Milliarden Dollar.
Sowie die Aktie in einem Index notiert wird, treten die ETF-Anbieter auf den Plan. Sie kaufen die Aktie zum aktuellen Kurs im Index, den sie ja nachbilden und verkaufen die ausgeschiedene Aktie. Angesichts des geringen Freefloat und den damit verbundenen geringen Gewichtungen in den Indizes wird es wohl nicht zu einem deutlich erhöhtem Kaufdruck kommen. Der Preis von SpaceX sollte hierdurch also eher nicht stark getrieben werden.
Der Zukunftstraum, der verfliegt, wird nicht zum Alptraum. Und schließlich gibt es ja weitere Chancen.
Sind Sie jetzt etwas ernüchtert? Vielleicht sind Sie ganz zufrieden, dass SpaceX erst mal nur ein kleines Gewicht in einem ETF hat. Denn so kann die Aktie nicht zu viel Schaden anrichten, falls es anders kommt, als die hochfliegenden Pläne eines Elon Musk versprechen. Der Zukunftstraum, der verfliegt, wird nicht zum Alptraum. Und schließlich gibt es ja weitere Chancen. OpenAI oder Anthropic sind die nächsten Börsenaspiranten, die wohl im Herbst kommen. Happy Investment – ob mit oder ohne ETF!
