Interview mit Tanja Bauer |
„Nachhaltigkeit wird ihre Bedeutung weiter ausbauen“

Tanja Bauer leitet das ESG Research & Strategy bei Deka Investment. Sie analysiert, welche Rolle die Trends zu Nachhaltigkeit und erneuerbarer Energie in einem gut sortierten Portfolio spielen können.

Wie haben sich Nachhaltigkeit und das damit verbundene Kürzel ESG entwickelt. Immer noch ein Nischenthema?

Nachhaltigkeit ist und bleibt ein Megatrend. Schauen wir einfach mal auf die Temperaturen im Juli, dann wundert es nicht, dass das öffentliche Bewusstsein für den Klimawandel stärker geworden ist als je zuvor. Jeder kann aktuell die Klimaveränderungen und ihre wirtschaftlichen wie finanziellen Auswirkungen spüren. Entsprechend haben Unternehmen ihr Engagement in Bezug auf ESG verstärkt. ESG steht für den Dreiklang von Environmental – Social – Governance, also für Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung. ESG-Strategien und nicht-finanzielle Berichte von börsennotierten Unternehmen sind heute fester Bestandteil der Vorstandsagenden. Zunehmend wird das Thema als Risiko- und Werttreiber verstanden.

Wie drückt sich das in Produkten aus?

Mit Corona gab es 2020 einen wahren Nachfrageboom nachhaltiger Geldanlagen, und wir als Deka haben auch in sämtlichen Segmenten, von aktiv gemanagten Fonds, Zertifikaten, aber auch ETFs und vermögensverwaltenden Fonds Produkte aufgelegt, die dem Gedanken der Nachhaltigkeit Rechnung tragen. Im Vergleich zu heute waren die gesetzlichen Vorgaben noch weniger konkret, als dies heute geregelt ist. Die Definition der Nachhaltigkeit und die Regulatorik wurden in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich geschärft. Wir, die Deka, haben in dieser Zeit ETFs aufgelegt, die sich am Markt sehr gut behauptet haben und auch die aktuellen strengen regulatorischen Vorgaben erfüllen. Zurzeit sind 11 unserer 35 Aktien-ETFs mit der Bezeichnung ESG versehen, darunter auch die sehr erfolgreiche Deka MSCI Climate Change ESG-Serie.

Man hat aber den Eindruck, dass Anlegende ihre Einstellung zu Nachhaltigkeit eher zurücknehmen, zum Beispiel jetzt verstärkt auf Rüstung setzen.

Die Themen Rüstung und Verteidigung werden durch den russischen Angriffskrieg und die gespannte Sicherheitslage neu bewertet. Wir bleiben uns treu, die Deka hält weiterhin an dem Ausschluss von Rüstung in unseren Produkten mit Nachhaltigkeitsmerkmalen fest. Für Anlegende, die in Rüstungsunternehmen investieren möchten, bieten wir gesonderte Produkte außerhalb unserer ESG-Produktfamilie an. Jeder Anlegende kann somit selbst bestimmen, ob eine Investition in die Rüstungsbranche sinnvoll erscheint.

Jeder Anlegende will aber gute Renditen erzielen. Ist ESG dabei ein Nachteil?

Für ESG-Investoren gibt es keine generellen Renditenachteile, manchmal sind sie im direkten Vergleich einzelner Varianten sogar leicht im Vorteil. Das ergibt auch Sinn, wenn man bedenkt, dass ein Unternehmen, das Nachhaltigkeitsrisiken vermeidet und eine verantwortungsvolle Unternehmensführung aufweist, längerfristig eine bessere Performance darstellen kann.

Welche Rolle spielt in diesem Kontext das Thema Energie?

Das Thema „Energiewende“ war bereits 2025 mit Blick auf das Volumen der verwalteten Vermögen führend. Das „E“ steht hier im Vordergrund, also die Umwelt. Hauptsächlich geht es um den Umstieg auf erneuerbare Energien und die Reduktion beziehungsweise Vermeidung von CO2-Emissionen. Doch auch wirtschaftliche und soziale Aspekte sind bedeutsam, was sich besonders im Preis ausdrückt. Energieintensive Unternehmen müssen wettbewerbsfähig bleiben. Energie muss für private Haushalte bezahlbar sein. Insgesamt bietet das ESG-Thema Energie für die kommenden Jahre gute Chancen.

Lassen Sie uns mal die verschiedenen Teilsegmente betrachten. Beginnen wir mit der Windenergie. Wenn man US-Präsident Trump Glauben schenken darf, ist die Windenergie der größte Betrug aller Zeiten. Manche Firmen dieser Branche sind deshalb finanziell ziemlich unter Druck.

In der Tat fordert die windkraftfeindliche Politik von Trump ihren Tribut. Fehlende Fördermittel und gestoppte Genehmigungsverfahren haben einzelne Unternehmen deutlich getroffen. Trotzdem ist die Windkraft global ein Wachstumstrend. Treiber sind weiterhin das Streben nach energetischer Unabhängigkeit, nach Dekarbonisierung sowie nach zunehmender Elektrifizierung von Industrie und Verkehr. Außerdem hängt der Erfolg von einem leistungsfähigen Netzausbau ab. Der Markt ist hart umkämpft. China setzt europäischen Firmen hart zu.

Wie steht es um Solar? China ist auch dabei dominant.

Kein Zweifel, das Preisdumping der Chinesen hat viele Wettbewerber verdrängt. Aber es gibt noch genug andere Akteure, zum Beispiel in Indien, Korea und Japan. Auch Europa hat Technologien zu bieten, vor allem im Bereich von Wärmepumpen. Man sieht auch hier, dass Akteure die Abhängigkeit von China reduzieren wollen. Das hilft diesen Herstellern.

Auch die Elektromobilität wächst stark. Teilweise werden mehr Elektroautos als Verbrenner-Fahrzeuge zugelassen.

Treiber sind die CO2-Regulierung und die zurzeit hohen Spritpreise. Aber auch hier ist China Vorreiter, allerdings mit hohen Subventionen des chinesischen Staates. Die europäische Automobilbranche muss sich strategisch mehr auf Elektro ausrichten, auch wenn es teuer wird. Elektromobilität senkt Emissionen im Verkehr, reduziert unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und eröffnet neue industrielle Wertschöpfung entlang der Batterie- und Software-Technologie. Die aktuelle Krise der deutschen Automobilhersteller zeigt, dass hier ein wesentlicher Handlungs- und Investitionsbedarf besteht, um die Wettbewerbsfähigkeit in Europa aufrechtzuerhalten.

Schließlich gibt es noch den Wasserstoff, der als umweltfreundlicher Treibstoff in Verbrennern Benzin und Diesel ablösen soll. Ist dies mehr Wunsch als Wirklichkeit?

Es gab anfangs in der Tat einen Hype, der jetzt etwas nachgelassen hat, weil die hohen Kosten Projekte bremsen. Aber der Fokus liegt nicht nur auf Transport und Verkehr, sondern auch die energieintensive Industrie – Stahl, Chemie, Baustoffe – kann von Wasserstoff profitieren. Die Projekte laufen an, werden aber in der Umsetzung noch Zeit brauchen. Profiteure könnten auch die Rechenzentren sein, die durch den KI-Boom entstehen und mit Wasserstoff zur Lösung von Standort- und Netzengpässen saubere Energie nutzen können. Insgesamt kann Wasserstoff dazu beitragen, die Klimaneutralitätsziele der genannten Branchen zu unterstützen.

Tanja Bauer, ESG Research & Strategy, Deka Investment
Erneuerbare Energien sind heute ein Megatrend mit hohem Wachstumspotenzial.
Tanja Bauer
ESG Research & Strategy, Deka Investment

Sind neue Energien schon ein Megatrend, der in jedes Depot gehört, sogar als Basisinvestment?

Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Erneuerbare Energien sind heute ein Megatrend mit hohem Wachstumspotenzial. Allerdings gilt es auch hier wie immer, eine Diversifizierung des Depots unter Berücksichtigung der individuellen Anlageziele anzustreben. Nachhaltigkeit wird ihre Bedeutung am Kapitalmarkt weiter ausbauen und ist in der individuellen Anlageentscheidung nicht mehr wegzudenken.

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