Interview mit Ingo Speich |
„Weniger Nachhaltigkeit? Im Gegenteil!“

Ingo Speich ist Abteilungsleiter Nachhaltigkeit & Corporate Governance bei Deka Investment. Im Gespräch erläutert er, warum das Thema trotz Gegenwind aus den USA an Bedeutung gewinnt.

Der Begriff Nachhaltigkeit wird inflationär genutzt. Alles ist irgendwie nachhaltig, selbst in der Geldanlage. Dafür steht das Kürzel ESG – Environment, Social, Governance. Was bitte schön, ist für Ihre Aufgabe echte Nachhaltigkeit und was muss die Unternehmensführung leisten?

Die Unternehmensführung ist die stärkste Säule für das Erreichen von Nachhaltigkeit. Das umfasst vor allem ökologische und soziale Ziele. Dazu schauen wir uns genau an, wie gut Vorstand und Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft agieren, wie angemessen und zielgerichtet die Vergütungsstrukturen sind.

Man hat den Eindruck, dass die Begeisterung für ESG nachlässt. Was spüren Sie bei Ihrer Arbeit?

Gegenwind gibt es vor allem in den USA. Dagegen intervenieren die US-Regierung und die republikanisch geführten Bundestaaten. Hier in Europa sind wir noch in einer anderen Welt, die auf Nachhaltigkeit starken Wert legt. Aber zugestanden, wir spüren, dass einige europäische Unternehmen mit großem US-Geschäft sich anpassen. Sie lassen Diversitätsrichtlinien fallen, sie kommunizieren vorsichtiger, weniger proaktiv, um nicht zu sehr in den USA anzuecken. Was uns Deka als Treuhänder für das Fondsvermögen angeht: Wir sind weiter in der „Net Zero Asset Managers Initiative" engagiert, eine Selbstverpflichtung zur Verringerung von CO2-Emissionen in den Portfolien. Wir achten weiter auf Nachhaltigkeit und fordern Nachhaltigkeit von den Unternehmensvertretern ein.

Dazu treten Sie auf den Hauptversammlungen auf und sprechen auch regelmäßig mit den Unternehmen. Welche Themen mahnen Sie besonders an?

Die Deka ist ein langfristig orientierter Investor, was sich auch in unseren Forderungen widerspiegelt. Wir haben häufig mit den Unternehmen über das Zielbild diskutiert, zum Beispiel wie CO2-Neutralität erreicht werden kann, um zukunftssicher zu werden. Inzwischen ist das Zielbild akzeptiert. Jetzt geht es mehr darum, wie schnell solche Ziele erreicht werden können. Die Qualität der Vorgehensweise hat sich deutlich verbessert, auch wenn große Unternehmen eine gewisse Trägheit bei der Umsetzung haben. Erfreulich ist, dass beim Zielbild sich die Gegenbewegung aus den USA bisher kaum auswirkt.

Können Sie uns einige aktuelle Beispiele nennen, was sich bei den Unternehmen tut?

Ein erfreuliches Beispiel ist RWE, die sich von fossilen Großkraftwerken zu einem führenden Unternehmen für erneuerbare Energie wandelt. Jetzt stehen die Hauptversammlungen von Telekom, Nestlé, Mercedes und Bayer an, auf denen wir auch die Nachhaltigkeitsthemen anmahnen. Ein anderes Beispiel ist Siemens. Wir haben ja lange darauf gedrängt, dass sich die Unternehmensführung ändert und das Unternehmen aufspaltet, um den Gesamtwert zu steigern. Das ist inzwischen umgesetzt. Früher, also vor der Aufspaltung der alten Siemens AG betrug die Marktkapitalisierung 80 Milliarden Euro. Jetzt nach der Aufspaltung inklusive von Siemens Energy und Siemens Healthineers sind es mehr als 300 Milliarden Euro.

Ingo Speich, Abteilungsleiter Nachhaltigkeit & Corporate Governance bei Deka Investment
Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit müssen Hand in Hand gehen. Das ist nicht nur eine Floskel, sondern ein zentraler Bestandteil.
Ingo Speich
Abteilungsleiter Nachhaltigkeit & Corporate Governance bei Deka Investment

Wie groß ist denn die Bereitschaft zum Wandel, der ja bekanntermaßen auch ziemlich teuer sein kann?

Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit müssen Hand in Hand gehen. Das ist nicht nur eine Floskel, sondern ein zentraler Bestandteil. Das bedeutet, dass sich Unternehmen resilienter aufstellen und neue Erlösquellen erschließen müssen. Augenmaß ist gefordert. Sie müssen sinnvoll investieren, gute Akquisitionen durchführen, die den Wert des Unternehmens steigern, aber eingebettet in übergeordnete Nachhaltigkeitsziele sind.

Die Deka hat ja aktive und passive Fonds. Machen Sie in Ihren Forderungen da Unterschiede?

Nein, wir bündeln alle unsere Stimmen und gehen damit gemeinsam auf den Hauptversammlungen vor. Für alle Portfolios achten wir auf Nachhaltigkeit, ganz breit, auch für Produkte, die nicht explizit als nachhaltig bezeichnet werden. Je nach Ausrichtung des Portfolios spielt Nachhaltigkeit eine unterschiedlich ausgeprägte Rolle. Natürlich können auch einzelne Fonds verschärfte Anforderungen haben, die bei der Auswahl der Aktien im Portfolio zum Tragen kommen.

Nun kommen vor allem bei den ETFs immer neue Themenfonds auf den Markt, auch mit Themen, die mit klassischen Nachhaltigkeitskriterien kollidieren. Das gilt zum Beispiel für Rüstung und Waffen. Wie verfahren Sie?

Wir überprüfen regelmäßig unsere nachhaltigen Anlagestrategien und entsprechend auch die Ausschlusskriterien. Beim Thema Rüstung vertreten wir weiterhin die Einschätzung: nicht nachhaltig. Entsprechend tauchen solche Firmen in nachhaltigen Produkten nicht auf. Aber wir haben außerhalb der Nachhaltigkeitswelt einen aktiven und einen passiven Fonds im Angebot, bei dem Rüstungsthemen stärker hervorgehoben werden.

Außer Aktien gibt es Anleihen, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Wie verfahren Sie bei denen?

Auch Anleihen werden von uns mit Nachhaltigkeitskriterien durchleuchtet. Die Daumenregel gilt: Wenn wir eine Aktie nicht als investierbar einstufen, gilt das auch für die Anleihe des Unternehmens. Für Staatsanleihen haben wir ein separates Rating, in das auch Nachhaltigkeitskriterien einfließen. Schließlich gibt es nachhaltige grüne Anleihen. Bei denen fordern wir eine zweite Meinung an und prüfen verschärft, inwieweit unsere Forderungen erfüllt sind.

Wie geht es weiter mit der Nachhaltigkeit, trotz Druck aus den USA?

Das Thema Nachhaltigkeit wird nicht weggehen, im Gegenteil. Die Treiber dahinter wie der Klimawandel sind sehr stark. Ich gehe davon aus, dass Nachhaltigkeit bei der Analyse und im Investmentprozess noch stärker berücksichtigt werden. Das muss sich letztlich für unsere Anlegerinnen und Anleger auszahlen. Das Interesse von Privaten und Institutionellen wird zu steigenden Assets under Management mit Nachhaltigkeitskriterien führen.

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