Kolumne Dr. Bernhard Jünemann |
Kaufen, wenn die Kanonen donnern?

Immer wenn es Kriege und Reaktionen der Börsen gibt, kommt dieser Satz von Carl Meyer von Rothschild von Anfang des 19. Jahrhunderts ins Spiel: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern. Verkaufen, wenn die Violinen spielen." Die einen interpretieren diese Börsenweisheit als allgemeiner Ausdruck für antizyklisches Investieren, die anderen jedoch verstehen sie als Aufforderung, gerade in höchster Unsicherheit zu investieren. Doch ob das wirklich so funktioniert, ist nie sicher. Dazu bedarf es einer genauen Analyse der Umstände. Schließlich sind die Kriege, die Rothschild zu seiner Äußerung veranlasst hat, mit den Kriegen von heute, kaum gleichzusetzen.

Unternehmen wir den Versuch. Dem nunmehr dritten Golfkrieg sind zwei Golfkriege mit amerikanischer Beteiligung vorausgegangen: 1990/91 und 2003. Am 2. August 1990 überrannten irakische Truppen das Militär Kuwaits und annektierten das Emirat. Eine internationale Krise brach aus. Die Börsen reagierten mit deutlich fallenden Kursen, im Durchschnitt mit zwanzig Prozent und mehr. Die Amerikaner unter Präsident George Bush Senior organisierten eine internationale Koalition zur Befreiung des Emirats. Der Aufmarsch war Anfang 1991 abgeschlossen. Ich erinnere mich noch gut an das Gespräch mit dem Chefanalysten einer großen deutschen Bank in der TELE-BÖRSE, jetzt stünde eine richtige Börsenkrise an, eine Baisse in nie gekanntem Ausmaß.

Am 17. Januar begann die Operation „Desert Storm" mit massiven Luftangriffen. Die Truppen des Iraks setzten die Ölfelder Kuweits in Brand. Doch die alliierten Truppen rückten schnell vor, drängten die Iraker zurück. Die Börsen zogen so bis Mitte Februar kräftig an. Ende Februar wurden die Kampfhandlungen für beendet erklärt. Die Börsenweisheit schien sich voll und ganz bestätigt zu haben. Aber dabei muss man bedenken, dass der Krieg nur kurze Zeit dauerte.

Am 20. März 2003 begann der zweite Golfkrieg, wieder gegen den Irak. Die USA warfen dem Land vor, Massenvernichtungswaffen aufgebaut und das Terrornetzwerk Al-Qaida unterstützt zu haben. Im Vorfeld waren die internationalen Börsen bereits im Baissetrend. Er hatte schon mit der geplatzten Internetblase im Jahre 2000 begonnen. Dann folgte der Terroranschlag von Al-Qaida auf das World Trade Center 2001. Bis Anfang 2003 hatte der Dow rund 35 Prozent verloren, der DAX sogar rund 70 Prozent. Umso stärker war dann eine positive Reaktion der Börsen auf das Ende des zweiten Golfkrieges. Bis Ende 2003 hatte der DAX schon wieder fast 40 Prozent gewonnen. Auch hier gilt wieder: Der bekannte Börsenspruch hat nur funktioniert, weil der Krieg relativ kurz war und der Irak schnell besiegt wurde.

Nun hat der dritte Golfkrieg begonnen, diesmal gegen den Iran, wenn man das kurze Zwischenspiel des 12-Tage-Bombardement 2025 nicht extra zählt. Im Unterschied zu den zwei Golfkriegen zuvor, sind die Börsen im Vorfeld nicht gefallen, ja haben vor kurzem noch neue Rekorde gefeiert. Umso stärker könnte jetzt die Reaktion ausfallen, sollte sich der Krieg immer weiter in die Länge ziehen. Hinzu kommen durch die Sperrung der Straße von Hormuz explodierende Energiepreise, die schwächelnde Wirtschaften auf der Welt zusätzlich unter Druck setzen dürften.

Vielleicht gibt es schon einen Waffenstillstand, wenn Sie diese Zeilen lesen.

Vieles ist bisher völlig unklar. Wie lange wird der Krieg dauern? Ist er ohne Bodentruppen erfolgreich zu beenden? Wie stark wird die Wirtschaft in Europa und den USA beeinträchtigt? Vielleicht gibt es schon einen Waffenstillstand, wenn Sie diese Zeilen lesen. Vielleicht geht der Krieg in den zweiten Monat ohne Aussicht auf ein schnelles Ende.

Dies macht deutlich: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern" mag etwas für kurzfristig, opportunistisch agierende Anlegende sein, die auch schnell wieder reagieren, wenn es nicht so läuft, wie erwartet. Für längerfristig Orientierte kommt es darauf an, sich strategisch immer so aufzustellen, dass man unerwartete Rückschläge wegstecken kann. Dazu kann es aktuell sinnvoll sein, die einzelnen Positionen im Depot unter die Lupe zu nehmen und auf übermäßige Risiken abzuklopfen. Wer mit ETFs breit diversifiziert, über Anlageklassen, Länder, Regionen und Themen hinweg agiert, sollte genügend Puffer haben und auch kritische Situationen wie jetzt überstehen können. Gelassenheit ist Trumpf!

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