Interview mit Kai Gramke |
„Patente zeigen Innovationsstärke“

Das Beratungsunternehmen EconSight in Basel analysiert Patente von Unternehmen. Geschäftsführer Kai Gramke erläutert, wie man vorgeht und so die Grundlage für zukunftsgerichtete Aktienindizes schafft.

Was genau ist ein Patent? Was bietet es einem Unternehmen?

Erst einmal ist ein Patent ein Verbotsrecht. Es erlaubt dem Patentinhaber einer Technologie, diese exklusiv zu nutzen. Das verschafft ihm gegenüber der Konkurrenz einen Wettbewerbsvorteil. Es erhöht die Markteintrittskriterien und erlaubt ihm, höhere Preise zu verlangen. So kann er im Idealfall mehr Geld in Forschung und Entwicklung stecken und neue Innovationen bieten. Man kann auch von einem temporären Monopol sprechen.

Wie lange dauert dieser Patentschutz?

Das ist ziemlich einheitlich. In der Regel sind es 20 Jahre. Im Bereich Pharma und Biotech, wo es sehr lange Zulassungsverfahren gibt, kann der Patentinhaber eine Verlängerung von maximal fünf Jahren erhalten.

Um beurteilen zu können, was so ein Patent wert ist, müssen Sie die Technologie verstehen. Ist das dem Patenttext zu entnehmen?

Das ist in der Tat nicht so einfach und von Laien kaum einzuschätzen. Ein Grund dafür ist, dass die Texte von Experten für Experten geschrieben sind und möglichst wenig über die Technologie verraten, damit die Wettbewerber keine zusätzliche Information bekommen. Die Stärke unseres Beratungsunternehmens ist, dass etwa die Hälfte unserer Mitarbeiter vom Schweizerischen Patentamt kommt. Die kennen sich mit solch kryptischen Texten bestens aus. Wir prüfen als erstes, welcher Technologie ein Patent zuzuordnen ist. Zweitens wie relevant es im Hinblick auf Entwicklungschancen ist. Wir haben dazu ein eigenes Bewertungssystem geschaffen. Dazu führen wir eine Big-Data-Analyse durch, erfassen, wie die besagten Technologien in der Wissenschaft zitiert werden und analysieren, wie die Länderabdeckung ist. Denn wenn die Patente in mehreren Regionen beantragt werden, den USA, China und Europa, erhöht das die Relevanz.

Reicht das, um die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens zu beurteilen? Müssen Sie nicht auch immer auf die Märkte schauen, um festzustellen, ob und wie Patente wirtschaftlich nutzbar sind?

Das tun wir auch. Wir identifizieren aussichtsreiche Zukunftstechnologien, denen wir die Patente zuordnen. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Es geht auch nicht nur um ein Patent eines Unternehmens, sondern um Patentportfolios, mit denen ganze Technologiebereiche abgedeckt werden können. Auch ein kleines Start-up kann sich so ein Portfolio aufgebaut haben. Die sind dann relevant. Die können Partnerschaften eingehen, um die Märkte zu erobern, auch wenn ihnen zunächst die finanziellen Mittel dazu fehlen.

Wie wichtig sind dabei unterschiedliche Branchen? Da ist doch Biotechnologie was anderes als zum Beispiel Wasseraufbereitung?

Natürlich gibt es branchenspezifische Besonderheiten. Aber wir sprechen lieber von Technologien, denn die können gleichzeitig in ganz unterschiedlichen Branchen wichtig sein. Denken Sie nur an die Digitalisierung. Da geht es in der Wasseraufbereitung nicht nur um Filtertechnik, sondern darum wie man mit Digitalisierung Effizienzsteigerungen umsetzen und Kosten reduzieren kann.

Wie hilfreich sind Patente, um die Aussichten einer Aktie einzuschätzen? Da kommt doch noch mehr zusammen.

Üblicherweise wird eine Aktie nach klassischen Kriterien wie Umsatz, Gewinn, Produktion und Mitarbeiter bewertet. Das reicht nicht. Auch die Innovationskraft ist sehr wichtig. Dazu ist die Qualität eines Patentportfolios ein sehr guter Indikator. Ein Aktienunternehmen, das es schafft, immer wieder aussichtsreiche Patente anzumelden, wird in Zukunft erfolgreich sein. Patente sollten also immer in die Analyse einfließen.

Kann man mit Patentportfolios auch Aktienmärkte insgesamt beurteilen? Dann müsste zum Beispiel Chinas Börse besser als alle anderen sein, weil dort unheimlich viele Patente angemeldet werden?

Grundsätzlich besteht zwischen Patenten und Innovationskraft ein Zusammenhang. Doch muss man in einzelnen Ländern genau hinschauen. Generell wird in Asien sehr viel patentiert. Das meiste sind aber sogenannte inkrementelle Patente, also kleine Verbesserungen, die aber keine wirkliche neue Technologie betreffen. Deshalb beurteilen wir auch immer die Qualität der Patente, wie eingangs gesagt. Wir achten auf sogenannte Weltklassepatente, die wirklich bahnbrechend sind. Das sind vielleicht nur zehn Prozent von zweieinhalb Millionen Anmeldungen in jedem Jahr.

Wer kämpft gegen wen mit Weltklasse-Patenten?

Das Rennen wird zwischen den USA, China und Europa entschieden. Aber wir müssen auch sehen, dass sich gleichzeitig die klassischen Wettbewerbsbeziehungen innerhalb der Branchen und zwischen den Branchen ändern. Apple, Google oder Intel sind keine Automobilhersteller, aber sie suchen nach mehr Anwendungen für ihre Produkte und dringen in solche Märkte ein. Wir können das an den Patenten schon sehr früh sehen. In der Wasserbranche ist das noch nicht so ausgeprägt, aber auch das ändert sich mit fortschreitender Digitalisierung.

Patente sind Verbotsrechte, aber die werden nicht immer einfach akzeptiert, und es wird darum juristisch gestritten. Welche Gefahren lauern da für Aktien?

Hier geht es um viel Geld und oft um alles. Patentstreitigkeiten können Milliarden kosten. Im schlimmsten Fall drohen Produktionsstopps und Verkaufsverbote. Ein Brennpunkt ist der Mobilfunk. Dort spielen sogenannte Standard Essential Patents eine Schlüsselrolle – also Patente, ohne die technische Standards gar nicht eingehalten werden können. Wer sie besitzt, muss Lizenzen vergeben. Doch über die Höhe der Gebühren entbrennt regelmäßig Streit. Brisant wird das Thema, weil heute nahezu jedes Gerät vom Smartphone bis zum Auto vernetzt ist. Patentkonflikte im Mobilfunk strahlen deshalb auf ganze Industrien aus. Diese Risiken muss man bei der Beurteilung von Aktien im Blick haben.

Kai Gramke, Geschäftsführer EconSight
Ist Wasser ein Zukunftsthema? Das haben wir klar bejaht.
Kai Gramke
Geschäftsführer EconSight

Zum Schluss noch ein Blick auf den STOXX Future Water-Index, den auch die Deka als ETF anbietet. Sie haben dazu beraten. Wie war Ihr Input?

Die Frage am Anfang war: Ist Wasser ein Zukunftsthema? Das haben wir klar bejaht. Dann mussten wir den Markt definieren. Was gehört zu Wasser? Wasseraufbereitung, Abwasserbehandlung, Trinkwasser, Wasserentsalzung und Bewässerungssysteme als Infrastruktur. Daraus haben wir sechs Teiltechnologien gebildet und dann alle Patente dazu identifiziert. Daraus haben wir die Weltklassepatente gefiltert. Die gab es nicht nur bei den klassischen Wasserunternehmen, sondern breiter aufgestellten Firmen. Mithin musste bei denen geklärt werden, wie hoch der Wasseranteil bei ihren Patenten ist. Mit diesen Daten konnte dann STOXX einen zukunftsgerichteten Index kreieren. Ich bin überzeugt, dass wir mit der Patentanalyse eine gute Grundlage geliefert haben, die sich langfristig positiv in den Aktienkursen niederschlagen sollte.

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