Kolumne Dr. Bernhard Jünemann | Die Zinslawine und Anleihe-ETFs
Die internationalen Anleihemärkte sind in Aufruhr. Die Renditen scheinen unaufhaltsam zu steigen, entsprechend fallen die Kurse. Besonders im Fokus sind die US-Märkte.
Die Staatsverschuldung erreichte den Rekordwert von 40 Billionen Dollar. Die Schuldenquote in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 125 Prozent. Für 30-jährige US-Staatsanleihen wurden Renditen von über 5 Prozent erreicht. Immer mehr Käufer ziehen sich zurück, zum Beispiel die Chinesen, die viele Jahre als Stütze der US-Märkte galten. Mit Kaufprogrammen versucht US-Finanzminister Bessent das Zinsniveau zu drücken, was jedoch von Anlegenden oft als Manipulation bewertet wird und die Unsicherheit noch steigert.
Hat Europa es besser? Denn auch hier steigen generell die Renditen. Aber es gibt Unterschiede zwischen den Ländern. Deutschland steht trotz milliardenschwerem Sofortprogramm mit einer Schuldenquote von 62 Prozent noch einigermaßen solide da. Aber Frankreich stöhnt mit einer Quote von 115 Prozent. Großbritannien muss mit 102 Prozent fertig werden. Der neue Premier Andy Burnham, der frisch im Amt Maßnahmen zur Senkung der Lebenshaltungskosten verspricht, dürfte so kaum handlungsfähig sein.
Bemerkenswert ist, dass diese Entwicklung noch ohne massive Zinserhöhungen durch die Notenbanken in Gang gekommen ist, die vor allem auf das kurze Zinsniveau einwirken können. Doch das dürfte sich bald ändern. Donald Trump hat mit Kevin Warsh den Vorsitzenden der US-Notenbank bekommen, den er wollte, um die Zinsen zu senken. Doch der neue Fed-Chef betonte auf dem Notenbanktreffen in Jackson Hole vor Kurzem die Unabhängigkeit der Bank und zeigte sich besorgt über die Inflationsrate von 3,4 Prozent, die angesichts hoher Energiepreise deutlich über vier Prozent steigen könnte. Marktanalysten beurteilen Warshs Äußerungen als Vorbereitung auf mögliche Zinserhöhungen. In Europa wird angesichts der aktuellen Inflationsrate von 3,3 Prozent eine weitere Zinsanhebung der EZB an den Märkten zunehmend erwartet.
Kein Zweifel: Die Zinslawine rollt, und ein Ende ist noch nicht absehbar. Kein Wunder also, dass Anlegende höchst besorgt sind. Was passiert, wenn ein hochverschuldetes Land seine Zins- und Tilgungsverpflichtungen nicht mehr bedienen kann, wie zum Beispiel Griechenland 2010? Eine neue Finanzkrise? Für die USA wird dies trotz aller Anspannung wegen der Tiefe und der Größe des Kapitalmarktes als eher unwahrscheinlich gesehen. Doch die Stimmen, die das nicht völlig ausschließen, mehren sich.
Wie also sollen Anleihe-Investierende reagieren? Denn ihre ETFs mit langlaufenden Anleihen haben in diesem Jahr Kursverluste von bis zu zehn Prozent erlitten. Als Faustformel gilt: Steigt die Rendite um einen Prozentpunkt, verliert ein Anleiheportfolio mit einer Duration von etwa zehn Jahren rund zehn Prozent an Wert. Bei kürzeren Laufzeiten fällt der Effekt geringer aus, bei längeren höher.
Raus aus ETFs und wieder direkt Anleihen kaufen? Dann kann man auf Endfälligkeit setzen und bekommt außer den regelmäßigen Zinszahlungen am Ende der Laufzeit den Nennwert zurück – sofern der Emittent zahlungsfähig bleibt.
Das klingt verlockend. Aber um einer zwischenzeitlichen Kursschwäche zu entgehen, muss man unter Umständen bis zur Endfälligkeit sehr lange warten. Wer lange warten kann, ist auch mit ETFs gut bedient, denn nach und nach werden die auslaufenden Papiere durch neue höher verzinste ersetzt. Anders als eine einzelne Anleihe hat ein klassischer Anleihe-ETF allerdings keine feste Endfälligkeit. Über längere Zeiträume können sich die Renditen von ETFs und Direktanlagen annähern – vorausgesetzt, Laufzeiten, Kreditqualität und Kosten sind vergleichbar.
Dass inzwischen sogar der norwegische Staatsfonds seine Investments in US-Papiere verringert, sollte zu denken geben.
Wen die Situation in hochverschuldeten Ländern beunruhigt, kann in ETFs mit Papieren von Schuldnern hoher Bonität wechseln, zum Beispiel in solche mit Bundeswertpapieren, auch wenn diese nicht so hohe Zinsen bieten. Bei Eurodenominierten Bundeswertpapieren entfällt für Euro-Anlegende das Währungsrisiko. Das kann ihnen zum Beispiel bei Dollarpapieren oder Schwellenländeranleihen in Lokalwährung erheblich zusetzen. Dass inzwischen sogar der norwegische Staatsfonds seine Investments in US-Papiere verringert, sollte zu denken geben.
Generell gilt deshalb das für Anleihen, was auch für Aktien gilt: breit diversifizieren über Laufzeiten, über Regionen sowie über Staats- und Unternehmensanleihen. Sehr lange Laufzeiten erhöhen allerdings das Zinsrisiko deutlich und sollten deshalb bewusst gewählt werden. Damit lässt sich auch eine Zinswende besser überstehen, selbst wenn diese in Form einer Zinslawine daherkommt.
