Interview mit Martin Pilarczyk |
„Absicherung gegen Geopolitik“

Die Deka bietet seit November 2025 einen ETF mit europäischen Aktien zum Thema Verteidigung. Martin Pilarczyk, Team Coordinator Thematic Solutions bei der Solactive AG, erläutert die Funktionsweise des zugrundeliegenden Index.

Rüstung und Waffen galten bis vor kurzem noch als typische Ausschlusskriterien für nachhaltige und ethische Investments. Was hat sich wie verändert?

Die geopolitische Realität hat sich deutlich gewandelt. Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit werden zunehmend als Grundvoraussetzung für Stabilität, Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung verstanden. Verteidigung wird nicht mehr per se als unethisch angesehen, sondern gilt als staatliche Kernaufgabe mit steigender gesellschaftlicher Akzeptanz. So rücken statt pauschaler Ausschlüsse internationale Standards in den Fokus. Danach sind jedoch weiterhin bestimmte Waffen geächtet, wie biologische und chemische Waffen oder Antipersonenminen. Diese kontroversen Waffen sind in unserem Index auch konsequent ausgeschlossen.

Sie konzentrieren sich auf europäische Firmen, obwohl die größten Produzenten in den USA zu finden sind. Warum kann die Beschränkung auf Europa sinnvoll sein? Weil der Nachholbedarf hier am größten ist?

In der Tat: Europa erlebt derzeit eine intensive Phase struktureller Aufholinvestitionen in Verteidigung und Sicherheit. Jahrelang hat Europa von der sogenannten Friedensdividende profitiert. Die ist mit dem völkerrechtswidrigen Ukraine-Krieg vorbei. Europa ist unter Druck, seine Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Europa will mehr strategische Autonomie und sich von dem amerikanischen Militär weniger abhängig machen. Das führt zu planbaren Budgets und langfristigen Großaufträgen für europäische Firmen. Die Verteidigungsausgaben in Europa sind 2025 auf rund 380 Milliarden Euro gestiegen, rund 60 Prozent mehr als 2020. Allein Deutschland plant, die Ausgaben bis 2029 auf 150 Milliarden Euro auszubauen. Das strukturelle Aufholdefizit wird noch jahrelang anhalten. Deshalb ist der Fokus auf Europa sinnvoll.

Welche Trends und Tendenzen bestimmen das Rüstungsgeschäft? Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, dass Drohnen zu den wichtigsten Rüstungsgütern geworden sind.

Der Trend geht weg von klassischen Großsystemen hin zu hochpräziser digitaler und vernetzter Technologie. Dazu gehören Drohnen, die in Verbindung mit Sensorik eine elektronische Kriegsführung ermöglichen. Dazu gehört auch Cyber-Verteidigung. Software, Datenanalysen und Künstliche Intelligenz werden immer wichtiger. Sie sind nötig zur Unterstützung von Entscheidungen und autonomen Funktionen in modernen Verteidigungssystemen. Klassische Ausrüstung wie Munition, Fahrzeuge, Flugzeuge und Raketen bleiben weiterhin unersetzlich. Dazu sind deutsche Unternehmen wichtig, wie Rheinmetall für Munition oder MTU Aero Engines für Triebwerke. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich viele Unternehmen vom reinen Produkthersteller zum System-Lösungsanbieter entwickeln.

Welche Anforderungen müssen Firmen erfüllen, um in Ihren Solactive Europe Defense Index aufgenommen zu werden? Es gibt ja häufig Mischkonzerne, in denen Rüstung nur ein Teilgeschäft ist.

Wir ordnen die Unternehmen nach drei Kategorien. Da gibt es erstens die Verteidigungshersteller. Dann folgen die Verteidigungslieferanten, also Zulieferer von Komponenten, Systemen und Technologien. Drittens suchen wir nach diversifizierten Defense-Playern, Firmen, die Schlüsseltechnologien für Verteidigung bieten, aber breiter aufgestellt sind. Im Index werden dann Maximalgewichte festgelegt. Reine Verteidigungsunternehmen sind auf jeweils zehn Prozent im Index beschränkt, diversifizierte Unternehmen haben ein Einzelgewicht von maximal zwei Prozent.

Dann nennen Sie uns doch mal ein paar Namen. Rheinmetall ist in aller Munde, aber wen gibt es noch?

Rheinmetall ist ein Spezialist für Landsysteme und Munition, ein zentraler Akteur bei gepanzerten Fahrzeugen und Artillerie. Aus Großbritannien ist BAE Systems führend im Bereich Luftfahrt, maritimen Systemen, besonders stark bei Kampfflugzeugen, Schiffen und integrierten Systemlösungen. Airbus als europäisches Gemeinschaftsunternehmen und Leonardo aus Italien sind aktiv im Bereich Luftfahrt und Raumfahrt. Thales aus Frankreich ist stark in der Sensorik, Elektronik, Radar, Kommunikation und Kontrollsystemen.

Und die Kleineren?

Da gibt es viele deutsche Unternehmen, teilweise hochspezialisiert und oft erst seit Kurzem gelistet. Ich möchte Hensoldt nennen, spezialisiert auf hochentwickelte Sensorik, Radar und optoelektronische Systeme. Die Renk Group ist Weltmarktführer für spezielle Getriebe in Kampfpanzern und Spezialfahrzeugen. Jenoptik ist im Kern kein klassischer Verteidigungshersteller, aber liefert optische und photonische Komponenten für Zielsysteme und andere Präzisionsinstrumente. Dazu kommt eine ganze Reihe weiterer kleiner Unternehmen aus anderen Ländern. Wir haben eine gute Mischung aus großen und kleinen Playern.

Martin Pilarczyk, Team Coordinator Thematic Solutions bei der Solactive AG
Aber ich denke, man muss eine fundamentale Neubewertung dieses Sektors vornehmen.
Martin Pilarczyk
Team Coordinator Thematic Solutions bei der Solactive AG

Kommen wir zu den Aktien. Rüstungsaktien sind gesucht. Rheinmetall hat im vergangenen Jahr rund 180 Prozent zugelegt, Ihr Index immerhin noch um 80 Prozent. Da stellt sich sofort die Frage nach der Bewertung oder besser Überbewertung.

Zugestanden, die klassischen Bewertungszahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis, sind jetzt deutlich höher als die historischen Durchschnittswerte. Aber ich denke, man muss eine fundamentale Neubewertung dieses Sektors vornehmen. Die vollen Auftragsbücher und die geopolitische langfristige Nachfrage, die staatlich abgesicherte Einnahmen garantieren, erlauben eine höhere Bewertung. In diesem und den nächsten Jahren sind zweistellige Wachstumsraten zu erwarten. Dann dürfte sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis auch wieder nivellieren. Natürlich kann es auch immer wieder mal negative Ausreißer geben. Das spricht für einen breit diversifizierten Ansatz wie mit einem ETF.

Sind Rüstungsaktien im Vergleich zum Markt deutlich volatiler?

Kurzfristig kann das schon so sein, weil Rüstungsaktien stark auf geopolitische Entwicklungen reagieren. Aber wer breit diversifiziert anlegt, der hat ohnehin einen Horizont von fünf bis zehn Jahren. Die geopolitischen Trends, die ich beschrieben habe, bleiben. Das spricht langfristig eher für weniger Volatilität.

Wie sollten Rüstungs-ETFs in einem gut diversifizierten Depot eingesetzt werden – ein Kerninvestment?

Im Sinne einer Kern- und Satellitenstrategie gehören Rüstungs-ETFs zu den Satelliten. Anlegende können sich damit zu einem gewissen Grad gegen geopolitische Risiken absichern und langfristig von staatlich gesicherten Investitionsprogrammen profitieren. Außerdem stärkt man durch die Konzentration auf europäische Unternehmen den Europa-Anteil im Depot. In den meisten internationalen Indizes ist die amerikanische Industrie übermächtig, was manche als beunruhigend empfinden und in der Allokation gegensteuern möchten.

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